Literatur-Empfehlungen: Buch-Rezensionen fürs Nachtkästchen

Bücher-Tipps unserer Literatur-Expertin Christine Nouikat


An einer Axt vorbeischleichen


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Eingefangene Kindheit

Beate Grimsrud: An einer Axt vorbeischleichen

Roman, Köln 2006


Die herrliche Welt der Kindheit verfolgt uns ein Leben lang. Oft versuchen wir, sie heraufzubeschwören, um wieder vom Strudel der Sinneseindrücke mitgenommen zu werden und mit dem Universum zu verschmelzen. Das ist überaus schwierig – und geht ganz leicht, wenn man sich dabei von einem guten Buch führen lässt. Beate Grimsrud, in Stockholm lebende Norwegerin, die außer Romanen auch Erzählungen, Hörspiele, Drehbücher und Dramen verfasst, hat ein großartiges Kindheitsbuch geschrieben, mit erstaunlicher Treffsicherheit und in einer hinreißenden Sprache, deren Magie kaum zu fassen ist: Liegt es an der Einfachheit der Sätze, am Reichtum der sinnlichen Beobachtungen, an der Unverbrauchtheit der kindlichen Gedanken, der überall hervorbrechenden unerhörten Poesie? Die Erzählerstimme, die sich eine ganze Weile noch gar nicht zwischen „ich“ und „sie“ entscheiden kann, öffnet uns die Tür in die Welt der Kindheit, die so schwer und so glücklich ist, so ganz und gar unbewusst, ohne Zeitgefühl, so unentschieden zwischen Autismus und Selbständigkeit, zwischen Liebe und Hass; eine Welt, die das Außergewöhnlichste als das Selbstverständlichste hinnimmt, die das Banalste mit der Aura des Großartigen umgibt und die nie langweilig ist. Die Geschichte von Lydia und ihren sechs Geschwistern ist spannend wie ein Krimi, weil nichts Gesagtes oder Gedachtes eindeutig in seinem Realitätsgehalt ist. Denn Außen und Innen ist noch eine einzige, überaus reiche Welt, die man noch selbst lenken kann – indem man z.B. Unangenehmes einfach ausradiert oder indem man durch seine Gedanken bestimmt, wie lange Mutter Klavier spielt:


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