An einer Axt vorbeischleichen
Es schneit kräftig. Mutters Musik fällt vom Himmel und ist das Schönste, was ich kenne. Töne sind ja nur deshalb Töne, weil sie nicht nebeneinander liegen. Sie sollen unterschiedlich tief sinken, aber nicht zu weit. Wenn ich mit dem Blick auf sie drücke, bevor sie zu weit gesunken sind, dann wird das Schöne weitergehen. Wenn ich nicht blinzele, wenn mein Blick schnell und wachsam ist, dann wird es nie aufhören.
Kindliche Allmachtsfantasien helfen aber nicht immer: Vater und Mutter streiten oft, und obwohl sie dann „ganz woanders“ sind – weggewünscht in weite Ferne – sind sie gleichzeitig auch da, in dieser Welt, in der man sich immer ein bisschen fürchten muss – der Titel des Buches ist meines Erachtens eine geniale Metapher für die kindliche Fantasiewelt, in der eine Axt einen jederzeit anspringen könnte.
Die Perspektive des Kindes ist derart stringent, dass der Leser ihrem Sog standhaft widerstehen muss, um die wahren Umstände nicht aus den Augen zu verlieren: eine kinderreiche Familie, deren jüngstes Mitglied behindert ist, ein liebevoller, aber meistens arbeitsloser Vater, der beim Mittagstisch seinen Kindern gern ein bisschen Essen wegstiehlt, eine überforderte Mutter, deren Liebe blitzschnell in Wut umschlägt und sie gefährlich macht. Idyllische Tage auf der Müllkippe, in denen jedes Familienmitglied alles mitnehmen darf, was es findet; der lustige Familienbrauch, den Nachmittagskaffee durch väterliches Zwicken der Ohrläppchen zu ersetzen – das alles erzwingt fortwährende Interpretation. Haben wir es hier mit einer sehr glücklichen oder ganz verrückten Familie zu tun; ist dieses Mädchen nun sehr schwierig oder so wie alle Kinder – oft eigensinnig und schwer zu lenken, aber genial auf seine Weise? Vieles deutet auf Ersteres – der Aufenthalt in einem Sommerlager, in dem Lydia den Lagerleiter, der ihr helfen will, auf Distanz hält und wenig kooperativ ist, die Schule, in der sie sich nicht an Regelungen halten kann und ihre Lehrerin abwechselnd zum Lachen und zur Verzweiflung bringt, etwa wenn sie einen Schulaufsatz über die Sommerferien, der ihr zu einer wunderbar fantasierten Geschichte von einem idealen Elternpaar wird, am Ende der Stunde partout nicht beenden will.
Der Buch Tipp: Eingefangene Kindheit - Seite 2
20.11.2006 - 16:37 Uhr