Lieben im Wasserbett
Wieso ich auf die Idee kam, Amélie zu erzählen, Lieben sei im Freien am schönsten und an rauschenden Wasserfällen ganz besonders, ist mir noch heute ein Rätsel. Lieben im Freien ist schön, doch nur, wenn, wie man so sagt, alles stimmt. Das Wetter, der Untergrund (piekst es? Ist er feucht?), die Abgelegenheit des Ortes (kann jemand vorbeikommen?), die Temperatur und natürlich die Stimmung. Es war auf unserer ersten Schottlandreise, wir hatten auf der Nordwestseite der Isle of Mull ein einsam gelegenes Bed & Breakfast gefunden und uns gleich nach der Ankunft auf einem herrlichen breiten und festen Bett mit grünblauem Schottenmusterüberwurf gierig geliebt, waren anschließend unter die Decke gekrochen und nach einem kurzen Schlummer erneut hungrig und durstig aufeinander geworden, hatten uns gestillt, duschten, machten uns mit Hilfe der bereitstehenden facilities einen Tee mit Milch und brachen zu einer Erkundung der näheren Umgebung auf. Das Haus lag etwas abseits der mit EU-Geldern ganz passabel ausgebauten Straße – überall auf den Hebriden sieht man Schilder, die auf diese Wohltat aus dem fernen Brüssel hinweisen -, die sich ein Stück oberhalb der gezackten und rauen Felsenküste dahinschlängelte, hier und da glitzernd und grell silbern aufleuchtend vor Nässe im Licht der am frühen Nachmittag während unseres Liebesfests herausgekommenen Sonne. Von den Bergen zu unserer Linken ergossen sich zahllose Rinnsale die Felswände hinunter, sammelten sich zu Sturzbächen, die über Felskanten schossen, wo der frische Wind sie packte und verwehte und in Schleiern an den Berghängen entlangtrieb. In dem satten Grün der Grashänge, die sich unterhalb der nackten Felsen und Geröllhalden anschlossen und in sanftem Schwung bis ans Wasser führten, lagen zahllose riesige Gesteinsbrocken, teilweise von der Größe der hier üblichen Häuser, herabgestürzt oder schon von den abschmelzenden Eismassen der letzten Eiszeit so zurückgelassen. Eine wuchtige Landschaft von ruppiger Kargheit, deren Schönheit sich vor allem aus einer gewissen Distanz ergab; die blau-lila-braun getönten Berge verloren das Blau und Lila, wenn man nahe herankam, es blieb nur noch braungrau übrig, Schmutzfarben, die erst mit der Entfernung wieder schönere Nuancen annahmen.
Literarische Geschichte: Tanzunterricht
20.11.2006 - 16:47 Uhr