Die Nylonstrumpfhose
Ich schreibe immer dasselbe. Sollen wir uns treffen, im Hof, hinter der alten Buche? Der Hof hat keine Buche, aber es klingt so schön. Der Hof ist auch kein Hof. Die Eingangstür weist direkt auf die Straße. So werden die Betten schneller frei.
Beim Essen sehe ich ihn an. Ich schlürfe die Suppe und sehe ihm über den Löffel hinweg in die Augen. Seine Hand zittert, wenn er isst. Er wirkt älter als ich. Er wird es nicht mehr lange machen, ich muss mich beeilen.

Buch-Tipp: 1000 Dessous: A History of Lingerie
Wie „Fetisch Weiblichkeit“ ebenfalls eine Dessous-Geschichte, aber eine, die deutlich mehr Wert auf Bilder legt. Kein Wunder, herausgegeben wird Georges Didi-Hubermanns Unterwäsche-Geschichtsbuch vom großartigen Kölner Taschen Verlag. Erotik statt Problematisieren, Erzählen statt Theoretisieren, das ist in diesem Foto-Band Programm. Die Texte kommen gleichwohl nicht zu kurz – gezeigt wird, wie Dessous, Büstenhalter, Slips, Korsetts, Nylonstrumpfhosen, Tangas sich im Laufe der Zeit wandelten, aber immer nur einen Zweck erfüllten: das Begehren zu wecken.
Nachts gehe ich in sein Zimmer. Ich wandele oft nachts durch die Gänge. Mit meinem weißen Nachthemd sehe ich aus wie ein Gespenst. Ich kann im Dunklen sehen. Nur die Notfallbeleuchtung brennt. Ich gehe vorsichtig. Der gebohnerte Boden ist glatt und meine Hausschuhe haben abgetretene Sohlen. Gerade letzte Woche hat sich hier eine Frau die Hüfte gebrochen. In einer Ecke steht ein Gummibaum. Er sieht im grünen Licht der Notfallbeleuchtung aus wie etwas Lebendes. Ich erschrecke mich ein wenig. Ich wechsel die Seite und fahre mit meiner Hand die Wand entlang. Dann bin ich vor seiner Tür angekommen. Sie quietscht etwas. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit, dann sehe ich ihn. Er schläft und schnarcht. Sein Gesicht wirkt eingefallen, so ohne Gebiss. Ich gehe vorsichtig auf sein Bett zu. Mit der Nylon- strumpfhose der anderen Martha fessele ich seine Hände an die Bettpfosten. Nun kann ich alles mit ihm machen. Ich fasse ihn überall an. Er merkt es und wacht auf. Er sieht mich an. Er wundert sich. Sch, sage ich. Ich habe Angst, dass er die Notfallklingel betätigt, aber dann fällt mir ein, dass er seine Hände nicht bewegen kann. Ich hoffe, er hat kein schwaches Herz, ich will ihn nicht umbringen. Ahtram? fragt er. Ich nicke. Er guckt, als würde in seinem Kopf ein Groschen fallen. Der Groschen fällt sehr langsam. Dann merkt er, dass seine Hände gefesselt sind. Nun guckt er ängstlich. Ich nehme mein Gebiss heraus und grinse ihn zahnlos an. Das scheint ihn zu beruhigen. Als hätte ich meine Waffen abgelegt. Ich schiebe die Bettdecke weg und nestele an seiner Schlafanzughose. Sie müsste mal wieder gewaschen werden. Macht nichts, ich übersehe das, seitdem ich hier bin, ekele ich mich vor nichts mehr. Ich beuge meinen Kopf herunter, mein Genick knackt etwas. Ich beginne ihm einen zu blasen, das geht gut ohne Gebiss. Das habe ich schon vorher mal ausprobiert, und es ging viel besser als mit dem ganzen Mund voller Zähne. Er zieht und reißt etwas an der Nylonstrumpfhose. Ich glaube, es gefällt ihm ganz gut, jedenfalls hört er sich so an.
Literarische Geschichte: Die Nylonstrumpfhose
12.11.2006 - 15:39 Uhr