Die Nylonstrumpfhose


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Wahrscheinlich ist er schüchtern. Ich muß jetzt gehen, es wird langsam hell, und wir stehen früh auf, das will die Klassenlehrerin so. Ich binde seine eine Hand los, die andere kann er selber losbinden. Ich komme Morgen wieder, sage ich. Er guckt ängstlich. Vielleicht hat er Angst, daß ich zu anstrengend für ihn bin. Wir können auch etwas anderes machen, sage ich, um ihn zu beruhigen. Ich halte mir dabei die Hand vor den Mund, das habe ich eben vergessen. Vom Flur her höre ich Schritte. Wenn das die Pflegerin ist, krieche ich unter seine Bettdecke. Ich warte eine Sekunde. Die Schritte entfernen sich wieder. Ich weiß nicht, wohin mit dem Taschentuch, darum knülle ich es zusammen und behalte es in der Hand. Von der Tür her winke ich ihm zu. Er winkt nicht zurück. Er sieht verstört aus. Wahrscheinlich ist ihm das schon lange nicht mehr passiert.



Buch-Tipp: Dessous. Ein Jahrhundert Wäschekult
Ein Jahrhundert Wäschekult, das heißt von 1900 bis heute und verspricht damit natürlich sehr viel. Farid Chenoune kann den Erwartungen meist entsprechen. Zwar sind einige Dessous-Fotos arg verkünstelt, andere dafür, vor allem aus dem Kino, sehr gut ausgewählt. Alles in allem erhält man einen guten Überblick über die Geschichte der weiblichen Unterwäsche, angefangen vom Korsett bis zu Strings und Spitzen-BH. Vorbei die Zeiten, als Hippie-Frauen ihre Büstenhalter verbrannten, heute ist Unterwäsche Lebensgefühl und nicht Politik. Vom luftabschnürenden Korsett zum alleszeigenden Transparent-Look, in diesem reich bebilderten Dessous-Band wird die modische Entwicklung der Unterwäsche auch zum unterhaltenden Geschichtsunterricht.

Sonderseite: Dessous

Im Badezimmer werfe ich das Taschentuch in die Toilette und ziehe die Spülung. Ich gucke mich im Spiegel an. Meine Lippen sehen etwas ausgeleiert aus, die Haut um die Mundwinkel ist rot. Ich creme mich ein und klatsche mir auf die Wangen. Ich kann mich noch überall sehen lassen.

Als ich ins Zimmer komme, sieht Martha nicht zur Wand, sondern mich an. Sie verzieht verächtlich die Mundwinkel. Wer war es heute, fragt sie. Ich habe bald keine Nylonstrumpfhosen mehr!

Ich weiß nicht, woher sie es weiß. Letzte Woche war es Gregor, davor die Woche Fritz, heute Erik. Wahrscheinlich spricht es sich herum.



Autor:
Marna Ireen Syred


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Literarische Geschichte: Indien ohne Rückfahrkarte
12.11.2006 - 15:54 Uhr