Im 2. Teil des Interviews mit Schlafen Aktuell erklärt der Neurobiologe und Schlafforscher Peter Spork, was es mit der Inneren Uhr auf sich hat, wie die Umstellung auf die Sommerzeit sich auf den Menschen auswirkt, und was sich während des Schlafs im Gehirn abspielt.
Kann man sagen, wie Eulen und Lerchen gesellschaftlich verteilt sind und wie viel Schlaf der Mensch braucht?
Spork: Es gibt Veränderungen im Laufe der Lebenszeit. Kleinkinder sind meist Lerchen, dann wird man in der Teenagerzeit zur extremen Eule, später wieder zur Lerche. Das ist im hohen Alter das, was man allgemein als „senile Bettflucht“ kennt – die Menschen werden einfach früher müde und sind entsprechend früher ausgeschlafen.
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Der mehrheitliche durchschnittliche Chronotyp geht gegen 00:15 Uhr ins Bett und steht gegen 08:15 Uhr wieder auf. Alles zwischen fünf und zehn Stunden Schlaf ist normal, die meisten schlafen zwischen sieben und neun Stunden. Wer länger als zehn Stunden schläft, schläft allerdings nicht gut und erholsam. Bei extremen Schnarchern – so genannten Schlafapnoikern - ist das oft der Fall. Wer so lange schläft, ist auch nach zwölf oder dreizehn Stunden unausgeschlafen. Dann sollte man sich dringend medizinisch untersuchen lassen.
Wonach richtet sich die Innere Uhr?
Spork: Die Innere Uhr geht nicht genau und unterschiedlich schnell. Sie wird jeden Tag neu justiert. Diese Nachjustierung kommt durch das Licht, das der wichtigste Zeitgeber ist. Damit meine ich helles Licht mit hohem Blaulichtanteil – also Tageslicht. Menschen bekommen in ständiger Dunkelheit Rhythmusprobleme. Deshalb sollten wir uns tagsüber möglichst viel im Hellen aufhalten, vor allem mittags.
Dann stimmt es also, dass Schichtarbeit ungesund ist?
Spork: Schichtarbeit führt zu Schlafstörungen, man arbeitet gegen die inneren Rhythmen. Den Wechselschichten passt sich die Innere Uhr gar nicht an. Kein Mensch will seinen Rhythmus komplett umstellen, denn das ist nicht nur nachteilig für das soziale Leben, sondern die falschen Lichtsignale wirken auch negativ auf das Herz und den Kreislauf. Wenn Schichtarbeit erträglich werden soll, dann muss der Chronotyp beachtet werden, der zeigt, ob jemand eher für Früh- oder für Spätschichten geeignet ist.
Ein Element ist auch die Raumbeleuchtung. Nachts sollte sie einen möglichst geringen Blaulichtanteil haben, tagsüber umgekehrt. In manchen Schulen wird das bereits berücksichtigt.
Stimmt es, dass die Sommerzeit den Schlaf negativ beeinträchtigt?
Spork: Chronobiologen sind gegen die Sommerzeit. Man wird abends später müde, der Wecker klingelt morgens aber zur normalen Zeit. Die eigentliche Rhythmusumstellung schafft man zwar in wenigen Tagen, aber danach ist es über sieben Monate abends länger hell, und das gibt der Inneren Uhr falsche Lichtsignale.
Ein Beispiel, was das bedeutet: Angenommen, der Arbeitgeber zwingt einen, jeden Tag eine Stunde früher am Arbeitsplatz zu erscheinen – das würden sich die Menschen wohl kaum gefallen lassen, denn sie hätten eine Stunde weniger Schlaf. Genau diesen Effekt hat aber die Sommerzeit: Man bekommt sieben Monate lang bis zu einer Stunde weniger Schlaf.
Wie wichtig ist das Bett, die Art der Matratze für guten Schlaf?
Spork: Wenn man keine orthopädischen Probleme hat, dann ist es eigentlich egal, auf was für einer Matratze man schläft. Hat man beispielsweise Rückenschmerzen, dann sollten man sich vom Orthopäden auch beraten lassen, welche Matratze geeignet ist. Bei somnologischen Schlafstörungen bringt es aber meistens nichts, die Matratze zu wechseln.
Was spielt sich nachts in Gehirn und Körper ab, und wozu dient der Schlaf?
Spork: Das ist eine der größten offenen Fragen der Biologie. Bis heute weiß man nicht genau, warum die Natur den Schlaf erfunden hat, aber nach achtzig Jahren Schlafforschung weiß man viel darüber, was nachts im Körper geschieht. Man weiß, was der Körper in den Schlaf verlagert hat, nur den Auslöser dafür kennt man noch nicht.
Körper und Geist sind im Schlaf genauso aktiv wie im Wachzustand, nur laufen andere, lebenswichtige Aufgaben ab. Lebewesen, die nicht schlafen können, müssen sterben, das wurde in Tierversuchen nachgewiesen. Im Schlaf arbeitet das Immunsystem auf Hochtouren, Krankheiten werden aktiv bekämpft, Organe bilden neue Zellen. Schlaf ist aktives Anti-Aging. Noch wichtiger ist die Arbeit des Gehirns. Es spricht vieles dafür, dass das Gehirn ohne Schlaf nicht arbeitsfähig wäre. Im Wachzustand bilden sich ständig neue Nervenverknüpfungen, deren Großteil unwichtig ist. Im Schlaf entsorgt das Gehirn dann die unwichtigen Verknüpfungen. Und zudem findet ein aktiver Konsolidierungsprozess statt, in dem das Gehirn bedeutsame Erlebnisse erneut durchspielt und so seine Arbeitsfähigkeit und sein Gedächtnis verbessert. Besonders wichtig sind dabei jene Erlebnisse, die an Emotionen gekoppelt sind. Das unterstreicht, warum der Schlaf für das Lernen so enorm wichtig ist. Und obwohl das viele wissen, sind wir als Gesellschaft chronisch unausgeschlafen. David Dinges hat nachgewiesen, dass die geistige Leistungsfähigkeit binnen zwei Wochen mit zu wenig Schlaf von Tag zu Tag kontinuierlich nachlässt. Das Fatale dabei: Man merkt davon bereits nach drei Tagen nichts mehr.
Über Peter Spork: Peter Spork aus Hamburg ist promovierter Neurobiologe. Der Deutschlandfunk nannte ihn den Mann „der die Epigenetik populär machte“. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben, darunter das „Schlafbuch“ und das „Schnarchbuch“. Auf seiner Website www.peter-spork.de schreibt er regelmäßig über Wissenswertes zum Thema.
Interview Teil I: Schlafstörungen: "Am wichtigsten ist Entspannung"
Autor: Gerrit Wustmann
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