Gedichte für Nachtmenschen, Hrsg. Anton G. Leitner (dtv)
Wer von uns lässt nicht gerne den Tag mit einem guten Buch ausklingen? Gemütlich in die Kissen gekuschelt liest man noch ein paar Seiten und gleitet dann sanft hinüber ins Land der Träume. Der Münchener Dichter Anton G. Leitner, der mit „Das Gedicht“ die kommerziell erfolgreichste Lyrikzeitschrift Deutschlands herausgibt, hat gemeinsam mit seiner Kollegin Gabriele Trinkler ein Büchlein mit „Gedichten für Nachtmenschen“ veröffentlicht (dtv, 139 Seiten, 4,90 Euro).
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Darin entfaltet er ein Panorama dessen, was Dichter der letzten vierhundert Jahre über die Nacht schrieben, von Klassikern wie Klabund, Goethe, Rilke oder Ringelnatz bis zu zeitgenössischen deutschen Lyrikern wie Achim Wagner, Jan Wagner, Walle Sayer oder dem Mundartdichter Fitzgerald Kusz. Von klassischen Reimformen bis zu modernen freien Versen ist alles dabei, von ernst, traurig und gruselig bis lustig, romantisch und heiter ebenfalls. Und die vielen Facetten der Nacht werden breit gefächert in Verse und Strophen gefasst.
Es geht um die Spanne der Zeit von der frühen Abenddämmerung bis zum ersten Morgenrot und dem dunklen Niemandsland, das dazwischen liegt, in dem geliebt oder gefeiert oder tief geschlummert wird, es geht um Schlafstörungen und gruselige Alpträume oder um das wohlige Erwachen nach einer von angenehmen Träumen erfüllten Nacht. Und es ist dabei interessant zu sehen, welche Faszination die Nacht, das Dunkel und der Schlaf bei den vielen Dichtergenerationen hervorgerufen hat, angefangen bei jenen, die mangels elektrischen Lichtes die Nacht noch als wirklich düster, den Sternenhimmel als völlig klar erlebt haben, bis hin ins Heute, die Zeit von Lichtverschmutzung und allgegenwärtigen Ablenkungen, in der man sich seine Schlafräume erstmal erschaffen muss.
"der schlaf ist ein vom tourismus noch kaum berührter ort", schreibt etwa Christoph Simon, und Klabund wünschte sich:
"Laß mich einmal eine Nacht
Ohne böse Träume schlafen"
Auch Goethes berühmter "Erlkönig" kommt vor, ein böses Gruselstück, gegen das sich mancher heutige Horrorfilm harmlos ausnimmt, ein Motiv, das auch Felix Dörmann aufgreift:
"Das waren die grauen Gespenster
Die glitten in schweigender Nacht"
Johann Wilhelm Ludwig Gleim, klagt hingegen: "Du dumme Schläfrigkeit! hinweg, und lass mich trinken! / Du raubst von meiner Lebenszeit / Mir viel zu viel!" Fitzgerald Kusz scheint derweil vom Träumen nicht genug zu bekommen und dichtet: "deä schwibs haid nacht / in maim dramm / woä schönä wäi / jedä rausch am dooch". Joachim Ringelnatz widmet sich den nächtlichen Freuden der Erotik in seinem "Ferngruß von Bett zu Bett", wo sich erinnert, wie er auf "seidenen Kissen" bei der Geliebten lag.
Die Nacht, der Schlaf sind ein Genuss, auch ein literarischer, und wer seine Nächte mit Dichtern verbringen will, ist hier genau richtig. In diesem Sinne: Gute Nacht!
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Autor: Gerrit Wustmann |