"Zwei an einem Tag" – das klingt auf den ersten Blick schön und romantisch, und im Kern ist David Nicholls Roman (im Original "One Day" betitelt) tatsächlich eine Liebesgeschichte. Allerdings keine versöhnliche. Wer seichte Unterhaltung sucht und sich bei der Lektüre möglichst gut fühlen will, der sollte von diesem Buch die Finger lassen. Wer es etwas anspruchsvoller mag und lesen will, wie das Untier Alltag in den Funken einer romantischen Idee einbricht, der wird seine Freude haben.
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Als David Nicholls den Roman "Zwei an einem Tag" schrieb, war er knapp vierzig Jahre alt. Vielleicht dachte er sich: Ich schreibe ein Buch für all jene, die noch keine Midlife-Crisis haben und helfe ihnen, sie zu bekommen. Vielleicht dachte er auch: Ich schreibe ein Buch, von dem sich jeder Schriftsteller wünschen wird, es selbst geschrieben zu haben. Vielleicht dachte er auch etwas ganz anderes. Die Grundidee jedenfalls darf als brillant gelten. Der Titel ist Thema. Nicholls pickt sich zwei Menschen heraus, an einem ganz bestimmten Tag, und beobachtet sie über zwanzig Jahre hinweg – immer am 15. Juli. So schafft er es, beispielhaft ein halbes Leben aufzuzeigen, mit all den Wandlungen, den Irrungen und Wirrungen vom Teeniealter bis zur Lebensmitte.
Die zwei, das sind Emma Morley und Dexter Mayhue, kurz Em und Dex. Das erste Kapitel, in dem die beiden an jenem schicksalhaften 15. Juli 1988 eine Nacht miteinander verbringen, leitet er augenzwinkernd mit einem Zitat aus Dickens’ "Große Erwartungen" ein. Bis zum Jahr 2007 begleitet der Autor seine beiden Figuren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die dennoch in Kontakt bleiben, die sich im Grunde dennoch zueinander hingezogen fühlen, egal wie fern sie einander sind. Dexter ist ein Lebemann, zieht um die Welt und durch die Betten, wird Moderator beim Trash-TV, lebt die Oberflächlichkeit – während Emma nicht richtig aus dem Kakao kommt. Große Reisen sind nicht ihr Ding, Männergeschichten auch nicht, weshalb sie lange allein bleibt, einen Job macht, den sie hasst und nebenbei versucht, sich als Schriftstellerin zu etablieren, was in den ersten Jahren daran scheitert, dass sie nichts, was sie anfängt, auch zu Ende bringt – sowohl in der Kunst als auch im Leben.
Mit der Zeit wird alles anders, die Freunde, die damals so aufregend und abenteuerlustig waren, werden zu öden Spießern, gründen Familien, und Emma fühlt sich überall außen vor – nur Dex verändert sich kaum. Je älter er wird, desto alberner benimmt er sich, und was gibt es Schlimmeres als einen Mann, der nicht in Würde altert. Bis er plötzlich heiratet und Nachwuchs zeugt – mal eben so, ganz nebenbei quasi, und es wird klar: Das Leben ist eine Reihe verpasster Chancen, nur dass eben jeder etwas anderes verpasst und dann am Ende vermisst.
Zugegeben, der Leser ertappt sich zwangsläufig bei der seichten und eigentlich nebensächlichen Frage, ob Dex und Em irgendwann doch noch ein Paar werden, und, ja, natürlich werden sie. Wer hierin aber ein zuckersüßes, versöhnliches Happy End erwartet, der unterschätzt den Autor David Nicholls gewaltig. Der hat ein beeindruckendes und lebenskluges Buch geschrieben, das zu Recht vom Geheimtipp zum Bestseller wurde. "Zwei an einem Tag" ist einerseits wahnsinnig und irre, andererseits so lebensnah wie sonst nur Philip Roth.
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Zwei an einem Tag: Roman