Die Geschichte des Schlafens

Der britische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Anthony Burgess (1917-1993), der mit seinem Roman „Clockwork Orange“ und der Verfilmung durch Stanley Kubrick Weltruhm erlangte, verfasste nicht nur fiktive Werke. Bereits 1982 erschien sein interessantes kleines Buch „Wiege, Bett und Récamier“, das in einer „Kulturgeschichte des Liegens“ zugleich eine Geschichte des Bettes und des Schlafens mitliefert.

„Eine Flüssigkeit ist unser erstes Bett“, beginnt Burgess seine Geschichte am Anfang, ganz am Anfang, bei Moses, der in einem von seiner Mutter geflochtenen Korb auf dem Nil treibt. „Das Wasser, auf dem Moses ausgesetzt und wiedergeboren wurde, ist ein Symbol des mütterlichen Fruchtwassers.“ Das erste Bett war ein Wasserbett im weitesten Sinne. Zwischen diesem Ereignis und der Präsentation vielfältiger moderner Bettsysteme auf der Möbelmesse imm cologne (imm 2009: Der neue Trend zum Konservativen) liegen Jahrhunderte, in denen sich das Bett und mit ihm die Kultur des Schlafens auf interessante Weise entwickelt und zahlreiche Variationen durchgemacht hat. So beschreibt Burgess den beruhigenden Aspekt des Schaukelns, den Moses auf dem Nil erlebte, als zentrales und beruhigendes Element des Schlafens, dass sich seither durch alle Länder und Kulturen zieht, angefangen beim kindlichen Schaukelbett bis hin zur von den amerikanischen Ureinwohnern erfundenen Hängematte, deren Prinzip die europäischen Eroberer prompt für die Schlafbereiche ihrer Schiffe übernahmen, was zu wesentlich höherem Komfort führte, als ihn die harten Holzkojen je hätten bieten können (siehe dazu auch: Schaukelbett: Kombination von Optik und Funktionalität).

Burgess interpretiert die Nutzung schaukelnder Bettsysteme auch als eine Rückkehr zur Kindheit und Kindlichkeit: Im Schlaf sei man wieder Kind, gebe die Verantwortung ab. Das Bett sei seit jeher der zentrale Ort nicht nur des Familienlebens gewesen. Bis heute ist seine enorme kulturelle Bedeutung kaum zu überschätzen, stellt das Bett doch die minimalste Grundausstattung ausnahmslos jeden Habitats dar: angefangen bei Zellen von Mönchen oder Strafgefangenen, deren einziges Möbelstück ein oft ärmliches Bett ist, hin zu Hotelzimmern, deren gesamte Architektur und Funktionalität um das Bett herum und ihm dienend angeordnet ist. In zahlreichen Kulturen, insbesondere den orientalischen, galt das Bett mitunter längst nicht nur als Schlaf- und Rückzugsstätte, sondern auch als Ort des gesellschaftlichen Lebens. Königen und Herrschern dienten entsprechend angefertigte Betten zugleich als Thron – hierin offenbart sich zugleich der historische Grund für die heute übliche erhöhte Stellung des Bettes. Während ärmere Schichten oft auf Stroh oder Säcken auf Bodenebene ruhten, symbolisierte das aufgebockte Bett auch die erhöhte gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung seines Nutzers.

Burgess unternimmt in seinem schmalen, bibliophil ausgestatteten Band eine vergnügliche Reise, auf der er die Menschheitsgeschichte anhand ihrer Schlafstätten nachzeichnet. Er forscht in Literatur und Bildender Kunst nach dem, was das Schlafen ausmacht, und zeichnet dabei ein reiches und vielfältiges Panorama voller interessanter wissens- und lesenswerter Anekdoten, die er optisch mit zahlreichen Gemälden und Fotos historisch interessanter Betten anreichert und gibt nicht zuletzt Hinweise auf Museen, in denen man noch heute die Geschichte des Bettes verfolgen kann.

Das inzwischen leider vergriffene, reich bebilderte Buch von Anthony Burgess „Wiege, Bett und Récamier. Kleine Kulturgeschichte des Liegens“ erschien zuletzt 1985 im Südwest Verlag, ISBN 3-517-00889-3, ist aber in den einschlägigen Onlineforen für antiquarische Bücher zum kleinen Preis  erhältlich.

Gerrit Wustmann