Bücher-Tipps unserer Literatur-Expertin Christine Nouikat
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Was sein Einfühlungsvermögen, seine Umgangsformen und seine Ehrlichkeit betrifft, ist er um Welten besser als jedes Erdenmännchen. Und die Sorge der Verliebten, der einer sehr schlanken Spezies Angehörende würde womöglich auf dürre Frauen stehen, erweist sich als ganz und gar unberechtigt: Der Extraterrestrische weiß es durchaus zu schätzen, wenn an einer Frau was dran ist. Bei allen Nicht-Magersüchtigen, aber auch bei Liebhabern subtiler Erotik wird diese Erzählung Glücksgefühle auslösen:
" Da nimmt er mit beiden Händen meine Hände, und wenn man sechzehn süße kleine Saugnäpfe auf sich hat, ist es schwer, irgendwelche wirklich harten, uneigennützigen Entscheidungen zu treffen, und so bin ich schließlich zu einem außerirdischen Liebhaber gekommen. Und damit genug, wie wir im Friseursalon immer sagen, um eine kitzlige Unterhaltung zu beenden: Ich will nur noch verraten, daß er am ganzen Leibe kahl war und daß es stimmt, was man über kahle Männer sagt."
Unseriös? Mitnichten. Denn der Witz und die Lust am Erfinden sind nur die Lockmittel, die den Leser geradewegs in die Falle des Autors tappen lassen: Was anfangs als surreale Absonderlichkeit daherkommt, entpuppt sich bald als scharfsinnige Analyse, die viel über die Befindlichkeit der modernen Gesellschaft – nicht nur der amerikanischen – aussagt und den Leser unmerklich und elegant auf die Spur der Wahrheit lenkt. Wer das Buch zwei Mal liest, erkennt geheime Verbindungen zwischen den 12 Kurzgeschichten: Personen kehren wieder, Situationen werden aus einem anderen Blickwinkel erneut aufgerollt; das legendäre Schiffsunglück als Rahmen des Erzählbandes, ein Meteorit, der die Erde bedroht und mal als Randnotiz, dann wieder als Hauptthema im Buch auftaucht, miteinander korrespondierende kleine und große Katastrophen verleihen dem Buch Einheit und Konsistenz.
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