Literatur-Empfehlungen: Buch-Rezensionen fürs Nachtkästchen

Bücher-Tipps unserer Literatur-Expertin Christine Nouikat


Das Wasserbett hat es in die Literatur geschafft!


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In keiner Geschichte fehlt das Irrwitzige. Ein Junge ist mit einer Elvis-Tätowierung auf die Welt gekommen, aber der eigentliche Fluch ist der, dass er sich nicht von seiner herumhurenden Mutter lösen kann. Eine Hausfrau bäckt zwanghaft die köstlichsten Plätzchen, aber ihr Leben ist nach dem Tod ihres gehassten Gatten so leer und freudlos, dass sie sich nach verlorenem Plätzchenwettbewerb anzündet. Immer wieder sorgt die brillant angedeutete oder direkt ausgesprochene körperliche Sehnsucht der Ich-Erzähler für Lesewonnen höchster Qualität. In „Frau spioniert untreuen Ehemann mit Glasauge aus“ – die absurd-komischste Geschichte der Sammlung – bringt das vom Ehemann ignorierte Begehren die eifersüchtige Ehefrau dazu, ihr mit autonomen Sehfähigkeiten gesegnetes Glasauge daheim zu lassen, weil sie sich mit seiner Hilfe vergewissern will, ob ihr Mann sie tatsächlich betrügt. Die Folgen der per Zufall entdeckten neuen Kontrollmöglichkeiten hat sie allerdings nicht einkalkuliert: Das, was sie aus dem Gerichtsgebäude, in dem sie als Stenotypistin arbeitet, mit Hilfe des im Schlafzimmer unauffällig abgestellten Auges erspäht, ist ihrer berufsbedingt unverzichtbaren Konzentration nicht gerade zuträglich:

„Er steht beim Bett, und es ist lange her, dass ich sein baumelndes Ding gesehen habe. Du hast ein süßes baumelndes Ding, mein Alter. Ich wünschte, du würdest für mich so herumlaufen. Aber sie ist nur außer Sichtweite. Ich kann sie fühlen. Und dieses Ding ist für sie. Irgendeine Frau kennt es jetzt besser als ich, du eingebildeter Mistkerl. Los, zieh deine Boxershorts an, ich schere mich einen Dreck um deinen Körper.“

Das Auge kriegt alsbald aus nächster Nähe mit, wie der Ehebrecher sich im Bett mit seiner Geliebten vergnügt, und das Gerichtsprotokoll ist infolgedessen mit Sätzen gespickt, die den aufgewühlten Zustand der wütenden Besitzerin des Glasauges wiedergeben; ihre Konzentration lässt sie völlig im Stich, als die Rivalin das spionierende Auge im Wasserglas entdeckt und es als Nabelschmuck ausprobiert – wobei sie nicht die einzige Entsetzte ist: Ihr Mann ist es nicht weniger.


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