Literatur-Empfehlungen: Buch-Rezensionen fürs Nachtkästchen

Bücher-Tipps unserer Literatur-Expertin Christine Nouikat


Sex mit Tiefgang und verhudelte Strümpfe


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Jürg Amann:

Pornographische Novelle

Verlag Tisch7, Köln 2005


Aus 27 Kleinkapiteln über einen in einem anonymen Hotelzimmer stattfindenden ausgiebigen Geschlechtsakt besteht der erste Text des schmalen Erzählbandes aus der Reihe Nomaden, der zwei Erzählungen des 1947 geborenen Schweizer Autors Jürg Amann vereint. Die Pornographische Novelle will einer Sache auf den Grund gehen, die ja bekanntermaßen extrem widersprüchlich ist, wenn man dem Sinn zu geben versucht, was einen „ganz von Sinnen kommen“ lässt, um den Autor gleich zu zitieren. Man will ja nicht nur beschreiben, sondern ein Geheimnis lüften, in einen Abgrund hineinschauen, man sucht etwas, wobei man nicht weiß, ob man „eine Perle sucht oder gar nix“. Das ganze Drumherum und die Sache selbst, die sich hier zwischen einem Mann und einer Frau abspielen, die sich zum ersten Mal begegnet sind, werden zwar nüchtern protokolliert; die Bestürzung des Protagonisten ist aber deutlich zu spüren. Für das Protokoll der geschlechtlichen Begegnung spricht die Einmaligkeit jedes derartigen Unterfangens. Dagegen spricht das „Weltstürzende“ dabei. Denn das ruft nach Metaphysik, Transzendenz, Sinnhaftigkeit. Und je weltstürzender das Geschehen, desto einsamer der Leser, wenn er auf jede Hilfeleistung von Seiten des Erzählers verzichten muss. Der ist offensichtlich selber völlig ratlos. Als „Weltstürzend und doch nichts als Wiederholung“ versucht er den Geschlechtsakt zu begreifen, ein Paradoxon, an dem man leicht scheitern kann. Jürg Amann trumpft mit Genauigkeit und einer subtil indirekten Erzählweise, die die Sachlichkeit der Beschreibung weichzeichnet: Jener, der erzählt, ist nicht jener, der es aufgeschrieben hat. Jener, der erzählt, lässt auch ein bisschen in seine Seele hineinschauen: Er hat einmal etwas von einer Autorin gelesen, das ihn fasziniert hat: Vor Hingebung wollte der Geliebte die Geliebte mit seiner Haut umgeben. Und jetzt hat er dasselbe Verlangen angesichts dieser Fremden; er ist, so kann man vermuten, an seinem Ziel angekommen. Von der Frau weiß man viel weniger, außer der traurigen Tatsache, dass sie keine Brüste mehr hat, nur noch Operationsnarben. Ist diese Abnormität der Grenzüberschreitung dienlich?


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