Bücher-Tipps unserer Literatur-Expertin Christine Nouikat
Aber mehr als um die Grenzüberschreitung geht es hier wahrscheinlich um ihren Sinn. Was hilft es, die Grenzen kennenzulernen, wenn die Erfahrung zeitlich begrenzt ist? Das Glück der Selbstauflösung, die Unvoreingenommenheit gegenüber einem fremden Körper und seinen Säften, der Rausch, der einen befähigt, den Anus des anderen auszulecken und sein Urin zu trinken, die Bereitschaft, die geschlechtliche Identität aufzugeben – all das dauert selten länger als ein paar Stunden. Das „Bis wir nicht mehr wussten, wer wir waren“ ist irgendwann vorbei, man reist ab und ist wieder einfach nur derjenige, der man schon immer war und der nach der Tat gedanklich das Geschehene einzuordnen und zu verstehen versucht. Es zu erzählen versucht. Und erstaunlicherweise, dank des Autors, dabei stark brilliert.
Brillant ist auch der zweite Text des Bandes: Liebe Frau Mermet. Eine Art Liebesbrief nach Briefen von Robert Walser. Schon 1978 ist Jürg Amann in die Sprache des freiwillig in die innere Emigration bzw. ins Irrenhaus gehenden, posthum berühmt gewordenen Robert Walser geschlüpft, dessen abrupten Rückzug er im Roman Verirren oder Das plötzliche Schweigen des Robert Walser rekonstruierte. 1995 schrieb er eine literarische Biographie über seinen Landsmann. Im vorliegenden Erzählband werden Originalstellen aus dem Walser’schen Briefwechsel mit seiner ihn umsorgenden, oftmals „Mama“ genannten Freundin Frieda Mermet themenweise zusammenmontiert, wobei die immer gleichen Anreden, Bitten, Danksagungen den großen Dichter als liebenswürdigen und bedauernswerten Wiederholungstäter ausweisen, der seine Eloquenz zur Existenzsicherung nutzen musste – die literarische Anerkennung wurde ihm ja zeit seines Lebens versagt. Angesprochen werden Leibes- und Herzensbedürfnisse, und zwar im unverkennbaren, antiquierten und verschnörkelten, köstlichen und komischen Walser-Stil, der in der Amann’schen Collage durchaus zu Lachkrämpfen reizt, sich aber auch der Empathie des Lesers sicher sein kann.