Coole Menschen haben Wasserbetten - Die Gute-Nacht-Literatur auf Wasserbetten News - Seite 5
„Was tut dir leid?“
Ich höre, wie er durchs Schlafzimmer läuft, die Balkontür aufreißt und sich draußen erbricht. In den Blumenkasten mit roten Geranien. Ich kann es sehen, wenn ich mich ganz nah ans Küchenfenster beuge und zur Seite schaue. Inzwischen ist Agnes aus dem Bad gekommen. Sie ist sehr blaß. Gut, daß ich mich nicht sehe. Schlecht ist mir auch.
„Wo ist er denn hin?“ fragt sie mich. Ich zeige mit einer Kopfbewegung in Richtung Balkon.
„Der macht doch wohl keine Dummheiten“, ruft sie und ist schon aus der Tür.
„Nein, er kotzt nur“, sage ich, doch das sieht sie ja inzwischen selbst.
„Eddie, was ist?“ Sie hat den Arm um seine Schultern gelegt und hält die freie Hand gegen seine Stirn.
„Geht es wieder, Eddie? Was war denn?“
„Was war denn! Das mußt du noch fragen! Ich mußte kotzen. Gift und Galle, Ekel und Wut. Jetzt ist es raus, und mir geht’s wieder gut.“
Der Kerl imponierte mir immer mehr. Ich an seiner Stelle wäre jetzt nicht dazu aufgelegt, in Reimen zu sprechen, eher würde ich mir die Zunge abbrechen. Dabei bin ich der Literaturwissenschaftler. Aber manche hatten das vielleicht so in sich. Oder es kam einfach ganz von selbst.
„Vielleicht sollte ich lieber gehen und euch allein lassen“, sagte ich, als Agnes mit einem nassen Waschlappen aus dem Bad kam und zur Balkontür eilte.
„Von wegen. Das könnte dir so passen, mich jetzt allein zu lassen“, sagte sie und blitzte mich an. „Wir sitzen ja wohl zu dritt in dieser Scheiße.“
Natürlich hatte sie recht, und ich versuchte beschämt, mir darüber klar zu werden, aus wieviel Anteilen Hilflosigkeit, Feigheit und Rücksicht sich mein Fluchtimpuls zusammensetzte.
Inzwischen war das Bad frei, und ich konnte da kotzen.