Die Nylonstrumpfhose: ein Gute-Nacht Literat

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Die Nylonstrumpfhose


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Am meisten stört mich der Tonfall, mit dem sie hier mit mir reden. Als wäre ich drei Jahre alt, oder 95. Ich stelle mich dann taub. Das fällt mir nicht schwer. Meine Zimmernachbarin starrt den ganzen Tag an die Wand. Sie ist eingeschnappt. Vorher wohnte sie in einer Villa, jetzt wohnt sie hier mit mir, so kann’s gehen. Sie heißt Martha, genau wie ich. Die beiden Marthas nennen sie uns hier. Sie macht ins Bett, ich nicht. Sie hat schon in ihrer Villa alle Betten durchnässt. Sie wechselt täglich ihre Nylonstrumpfhose, ihr Nachtkästlein ist bis oben hin voll mit viel zu feinen Nylonstrumpfhosen. Ich finde keinen rechten Draht zu ihr. Ich bin unter ihrem Niveau. Das bin ich gewohnt, ich war schon immer unter jedermanns Niveau. Dabei finde ich, ich bin die menschenfreundlichste hier. Die anderen sehen das anders. Sie gucken mich manchmal tagelang nicht an und tuscheln hinter meinem Rücken.



Buch-Tipp: Fetisch Weiblichkeit : Mythos schöner Frauen?
Melanie Hausmann hat eine gut zu lesende Geschichte der Dessous geschrieben: anspruchsvoll in der dargebetonenen Materialfülle wie in der wissenschaftlichen Vorgehensweise, aber flüssig und mit Witz geschrieben. Wer wissen will, warum Hippie-BHs zu platzen pflegten und Frauen bis ins 18. Jh. keine Slips trugen, der findet hier Antworten. Weibliche Unterwäsche im Dienste der Verführung, dass es dabei für die Frauen nicht immer nur lustvoll zuging, auch darüber gibt dieses Dessous-Geschichtsbuch Auskunft.

Sonderseite: Dessous

Wir bekommen hier alle dasselbe Essen, werden mit demselben Tonfall angesprochen und unsere Kleidung riecht nach demselben Waschmittel. Das gefällt mir hier. Für Außenstehende sind wir alle gleich. Die Unterschiede, die wir uns selbst einbilden zu sehen, sind für andere unsichtbar. Was hinter diesen Mauern passiert, ist draußen völlig unwichtig. Draußen denken sie, wir hätten gar kein Leben mehr.

Seit drei Tagen spiele ich ein neues Spiel. Ich bin auf Klassenfahrt, spiele ich. Ich habe mich in Erik verliebt, er wohnt drei Gänge weiter und ist drei Jahre jünger als ich. Ich hole meine Jugend nach. Wenn keine Pflegerin in der Nähe ist, pirsche ich mich zu seinem Zimmer und schiebe einen Zettel unter der Tür hindurch. Die Pflegerin ist die Klassenlehrerin und er ist der beste Sportler der Klasse. Ahtram, unterschreibe ich die Zettel. Ich hoffe, er denkt nicht, sie seien von der anderen Martha.



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