Schweinereien - Gute-Nacht-Literatur auf Wasserbetten News - Seite 2
Vor der schweißtreibenden Nacht hatten wir noch im Restaurant gesessen, in dem uns gegenüber in der anderen Ecke ein weiteres Paar saß, ein wenig älter als wir. Es gab Hausmannskost, die Ära der italienischen und griechischen Küche brach gerade erst an, und aus dem Lautsprecher der Musiktruhe aus gewienertem Nußbaumholz, die über einen hochmodernen Zehn-Platten-Wechsler verfügte, den der Wirt persönlich mit gewichtigem Gehabe bediente, erklang die Stimme von Catarina Valente, natürlich, wie es sich für dieses Ambiente gehörte, ihre deutsche Schlager-, nicht ihre Jazzstimme. Die Geräuschkulisse war der Grund dafür, dass Tamara ungehemmt ihre Meinung über das Paar gegenüber kundtat.
„Das sind Schweine“, sagte sie.
„Wie kommst du denn darauf?“ fragte ich.
„Die sind garantiert nicht verheiratet. Das ist seine Sekretärin, mit der er sich ein vergnügtes Wochenende macht. Das sieht man doch sofort.“
„Und woran siehst du das?“
„Ich seh es einfach. Und die machen bestimmt auch Schweinereien.“
„Was meinst du mit Schweinereien?“
„Na, im Bett."
„Aber wieso Schweinereien?“
„Weil sie so aussehen. Die machen so was. Also, ja … eben Schweinereien. Sachen, die schweinisch sind, wenn du mich fragst. Und seine Frau sitzt zu Hause. Typisch.“
„Woher bist du so sicher, dass es nicht seine Frau ist?“
„Weil es seine Sekretärin ist. Die macht es bestimmt mit dem Mund. Das gibt es. So sieht sie aus. Das würde seine Frau nie machen. Deshalb nimmt er die hier mit auf Geschäftsreise. Es gibt ja Hotels, die auf so was spezialisiert sind. Hab ich gehört. Da sind nur Chefs mit ihren Sekretärinnen.“
„Von wem hast du das gehört?“
„Das hat mein Mann mir erzählt. Er hat Kollegen, die so was machen.“
„Aber er tut das nicht?“
„Na, hör mal. Bodo doch nicht. Wie kannst du so was denken?“
„Und was glaubst du, denken die da drüben von uns?“
„Gar nichts. Jedenfalls nicht, dass wir Schweinereien machen.“
„Warum nicht?“
„Weil wir nicht so aussehen.“
„Aber verheiratet sind wir auch nicht.“
„Aber uns sieht man nicht an, dass wir es nicht sind. Wir könnten es jedenfalls sein.“
„Bist du sicher?“
„Ganz sicher. Jedenfalls seh ich nicht aus wie deine Sekretärin.“
„Und ich nicht wie dein Chef. Ich seh überhaupt nicht aus wie ein Chef.“
„Und wir machen keine Schweinereien.“
„Findest du? Das musst du mir noch mal erklären, was du mit Schweinereien meinst.“
„Wir machen nur das, was sich gehört.“
„Und woher weiß man, was sich gehört und was nicht? Ich wäre mir da nicht so sicher.“
„Na hör mal. Was schweinisch ist, gehört sich eben nicht. Das spürt man eben. Also ich hab das im Gefühl.“
„Genau so wie, dass die da drüben Schweinereien machen?“
„Ja, ungefähr so.“