Schlafrhythmus

Von Schlafprogrammen und Einschlafrituale für Kleinkinder


In den Schlaf finden

Vom Sinn und Unsinn frühkindlicher Schlafprogramme und Einschlafrituale

Kleinkinder haben in aller Regel bereits einen festen Schlafrhythmus. „Die Chronobiologie, die sogenannte innere Uhr, bildet sich bereits ab dem sechsten Lebensmonat heraus.“ erklärt Schlafberater Georg Mühlenkamp vom „Netzwerk Ganzheitlich Schlafen“ in Berlin. Dennoch wird das abendliche Einschlafen regelmäßig für viele Eltern zur Geduldsprobe. Sie wünschen sich, dass ihr Kind zu einer bestimmten Zeit für eine bestimmte Dauer schläft. „Das geht an der Realität oft vorbei.“, findet Schlafexperte Mühlenkamp. Deshalb seien das Verhalten der Eltern und feste Schlafrituale enorm wichtig. Das Bett müsse vom Kind mit Ruhe und Entspannung assoziiert werden. Ausgiebige Phasen des Spielens und Tobens vor dem Zubettgehen machen nach Sicht des Schlafberaters nur dann Sinn, wenn das Kind danach gut einschlafen kann.


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Bevor Eltern jedoch den Gang zum Kinderarzt oder in die Schreiambulanz erwägen, gilt es abzuklären, ob überhaupt eine Schlafstörung im medizinischen Sinne vorliegt. Eine Möglichkeit dafür sind Schlafprotokolle, die u.a. von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung herausgegeben werden: Hier dokumentieren Eltern für einen bestimmten Zeitraum, wann das Kind ins Bett gebracht wird, wie lange es bis zum Einschlafen dauert, welche Aktivitäten am Abend stattgefunden haben, wie oft das Kind nachts und zu welcher Zeit es am Morgen aufwacht. So können Eltern Störfaktoren und mögliche Ursachen besser analysieren und sich mit den Schlafgewohnheiten des Kindes intensiv auseinander setzen. Kollidiert das normale Schlafverhalten des Kindes dauerhaft mit den eigenen Wünschen, müssen Eltern auch ihre eigenen Erwartungen kritisch hinterfragen.

Natürlich setzt guter Kinderschlaf auch äußere Faktoren voraus: Die Deutsche Gesellschaft für Schlafmedizin der Charité Berlin empfiehlt Eltern in Ihrem Patientenratgeber „Schlafstörungen bei Kindern“, äußere Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Schlafqualität unterstützen: Dazu gehören ein abgedunkeltes, kühles und stilles Zimmer, aber auch feste Einschlafrituale. „Die Rituale des Zubettbringens und Geschichtenvorlesens, die wir aus unserer eigenen Kindheit kennen, sind auch heute noch wichtige Relikte, die das Ende des Tages signalisieren.“, meint Schlafberater Mühlenkamp. Er hält darüber hinaus das Verhalten der Eltern und die Regelmäßigkeit der Rituale für entscheidend: Wer Unruhe vermittelt, überträgt dies auf das Kind. „Ich möchte, dass mein Kind einschläft, aber mein Kind schläft nicht ein.“, ist eine oft gehörte Beschwerde im Alltag des Schlafberaters. Druck auszuüben, geht seiner Erfahrung nach jedoch nach hinten los. Vielmehr sollten Eltern Ruhe und Ausgeglichenheit vermitteln.

Das ist leicht gesagt, bei der Umsetzung hakt es jedoch oft. Fachautorinnen wie Anna Wahlgren und Kate Dumond gehen deshalb sogar einen Schritt weiter und fordern liebevolle, aber strikte elterliche Konsequenz: In ihrer „Durchschlaf-Kur“ empfiehlt die Schwedin Wahlgren beispielsweise Hunger, Durst und andere kindliche Bedürfnisse in der Nacht durch feste Nachtrituale abzutrainieren. Auch bei der Britin Dumond sieht das Einschlafprogramm bereits nach wenigen Tage vor, dass ein Kind allein ohne elterliche Hilfe einschlafen können soll. Kurze, regelmäßige Besuche im Schlafzimmer ohne Augenkontakt sollen dem Kind die Sicherheit der anwesenden Eltern vermitteln – in den Schlaf finden muss es für sich allein.

Methoden wie diese, die auf Konditionierung setzen, sind nicht unumstritten. Alternative Ansätze fordern deshalb, das Kind von selbst müde werden zu lassen und es nicht durch eine vorgegebene Schlafenszeit zur Aufgabe seiner Freiheit und Selbstbestimmung zu zwingen. Die dahinter stehende Idee: das Schlafen soll keine Trennung von den Eltern bedeuten und ein friedliches, stressfreies Erlebnis sein. Das Kind kann weiterhin am familiären Geschehen teilhaben und selbst seiner Müdigkeit irgendwann nachgeben. Die amerikanische Autorin Naomi Aldort beschreibt, dass Kinder auf diese Weise die Nähe und Gesellschaft der Familie erfahren und das Einschlafen als natürlichen Prozess erleben.

Was im Einzelfall gut funktioniert, ist jedoch nicht für jeden geeignet. Schlafberater Mühlenkamp sieht bei diesen Ansätzen vor allem ein Problem für die körperlichen und geistigen Regenerationsprozesse, die im Kleinkinderschlaf stattfinden: „Kinder nehmen tagsüber lernend viel auf. Ihr Schlaf ist anders aufgebaut: Durch eine längere REM-Schlafphase wird das neu erworbene Wissen gefestigt und die Übertragung des Gelernten ins Langzeitgedächtnis kann stattfinden.“ Deshalb sei regelmäßiger Schlaf zu gleichen Zeiten elementar. Doch einschlafen bei Beginn der Dunkelheit und aufstehen bei Anbruch der Helligkeit wie unsere Vorfahren? Das ist in der heutigen Zeit undenkbar. Was also kann Eltern helfen, die ihrem Kind ein geborgenes, schönes Einschlafen ermöglichen und dennoch nicht auf ihre abendliche Freizeit verzichten wollen?

Zunächst einmal gilt: Sind Stress und emotionale Aufregung der Eltern als Faktoren ausgeschaltet und körperliche Ursachen beim Kind ausgeschlossen, stellt sich die Frage nach der Konsequenz: „Das Zubettgehen gelingt am besten, wenn es jeden Tag – auch am Wochenende – auf die gleiche Weise stattfindet.“, erläutert Mühlenkamp: „Ob kleine Kinder im eigenen Zimmer, im Elternschlafzimmer oder im Elternbett schlafen, ist unerheblich. Wichtig ist nur, dass die Eltern ihre einmal getroffenen Entscheidung konsequent beibehalten“. Ein Patentrezept gebe es aber nicht, so der Schlafexperte, die individuelle Entwicklung des Kindes sei letztlich entscheidend. Eltern kleiner Lerchen oder Nachteulen profitieren also, wenn sie die Biokurve ihres Nachwuchs berücksichtigen und müssen dann nur noch versuchen, ihre Bedürfnisse mit denen des Kindes abzugleichen.

 

 

Autor: Anna Engberg
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