Skurrile Idee soll neue Kunden gewinnen
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Nicht nur Bettensysteme und einzelne Bettkomponenten werden beständig weiterentwickelt, auch Accessoires und Gimmicks erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Auf dem hart umkämpften Bettenmarkt schreckt mancher Hersteller auch vor reichlich skurrilen Ideen nicht zurück, wenn es darum geht, potentielle Kunden für sich zu gewinnen. Zu den absonderlichsten Neuerungen gehört das sogenannte Schlaf-Tablet der Firma Lattoflex.
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Der Name ist Programm. Bei dem Schlaf-Tablet handelt es sich tatsächlich um eine Art Tablett, auf das das Bett gestellt wird. Lattoflex, der Erfinder des Lattenrostes, nimmt hier gezielt Personen mit Schlafstörungen als Zielgruppe ins Visier. Ebenso skurril wie das Produkt an sich sind die begleitenden Pressetexte, die aus der für Konzentration, Aufmerksamkeit, Motivation und Gesundheit nachgewiesenen negativen Wirkung unzureichenden Schlafes den überspitzten Schluss ziehen: „Wer schlecht schläft, wird dumm“. Da kann man nur hoffen, dass der Tablettschläfer tatsächlich gut schläft, denn tut er das nicht, so ist auch die sechswöchige Geld-zurück-Garantie (angeblich stellt sich die schlafverbessernde Wirkung erst nach sechs Wochen richtig ein) womöglich keine adäquate Entschuldigung dafür, sich als dummer Kunde bezeichnet zu sehen. Zwar wird der Effekt mittels klinischer Studien (Uni Osnabrück) untermauert, aber da das ja inzwischen jeder Hersteller tut, der etwas auf sich hält, macht der Pressetext vorsichtshalber einen Fallrückzieher in einen zusätzlich abgeschwächten Konjunktiv: „Schlafstörungen könnten deshalb schon bald zu einem guten Teil der Vergangenheit angehören.“
Das patentierte Schlaf-Tablet soll laut Hersteller durch zahlreiche integrierte Pendel, die auf den Herzschlag des Nutzers reagieren, in seitliche „Schwingungen im Millimeterbereich“ versetzt werden. Das Bett wird folglich zum Schaukelbett. Dass schaukelnde Betten eine beruhigende Wirkung haben, das hat der britische Schriftsteller Anthony Burgess (siehe auch: Die Geschichte des Schlafens) anhand des in einem Weidenkorb auf dem Nil treibenden Moses erläutert. Dass das auch für Schwingungen im Milimeterbereich - mit anderen Worten: so gut wie gar nicht spürbaren Schwingungen - funktionieren soll, ist neu. Offen bleibt auch die Frage, wie sich das bei Menschen mit Herzrhythmusstörungen auswirkt. Haben die dann ein Bett mit „Schluckauf“? Zumindest muss man bei Risiken und Nebenwirkungen nicht zum Apotheker laufen. Nebenwirkungen gibt es laut Prospekt nicht. Na, wenigstens etwas. Einschränkungen gibt es übrigens auch nicht, abgesehen davon, dass man keine Doppelbetten auf dem Tablett präsentieren sollte - denn dann kämpfen zwei Herzschläge gegeneinander an. Das könnte das Bett verwirren, vielleicht könnte es aber in naher Zukunft, wenn die Technik weiterentwickelt werden sollte, als Partnerschaftstest dienen: Schlagen unsere Herzen im Takt? Sind wir wirklich füreinander bestimmt? Das Tablett könne für jede Bettgröße individuell angepasst bzw. gefertigt werden und füge sich mit der dezenten Optik in jedes Schlafzimmer ein. Dezent ist die Optik sicherlich. Ob das weiß-grau der Bettenunterlage, die in etwa so viel kostet wie ein gutes Bett selbst, aber auf dunklem Teppich oder Laminat so toll aussieht, ist eine ganz andere Frage, deren Beantwortung vermutlich vom ästhetischen Empfinden des Nutzers abhängt…
Gerrit Wustmann